Lesestrategien den Schülern bewusst machen

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Früh übt sich, wer ein Meister werden will

Fast alle Menschen in den Niederlanden haben in der Schule Lesen gelernt. Als Lehrer merkt man im Unterricht, dass viele dieser Menschen – ob jugendlich oder erwachsen – nicht gut verstehen, was sie lesen. Ohne Zweifel ein Problem. Um dieses Problem noch etwas zu vergrößern: viele dieser Menschen - unter denen sich übrigens auch mehr als genug gute Leser befinden - machen den Eindruck, sich dieses Problems gar nicht bewusst zu sein.

Lesestrategien

Zum Glück gibt es Lesestrategien. Nicht nur eine, nicht zwei, nicht fünf Lesestrategien ...; es gibt zahlreiche Lesestrategien. Lehrer und Schüler können sich, grob gesagt, vor Lesestrategien kaum noch retten. Wenn man bei google.de das Wort ‘Lesestrategien’ eintippt, gibt es in einem Bruchteil einer Sekunde mehr als 95.000 Treffer. Allein der Begriff selbst wird schon auf vielerlei Weise definiert. Unter Lesestrategien verstehen wir in Anlehnung an Pieter Reitsma ‘eine Folge zweckgerichteter Handlungen zum Erreichen eines bestimmten (Lese-)Ziels’. Bei Elisabeth Schneider ist die Rede von einem ‘Handlungsplan, um einen Text gut zu verstehen.’

Eine übereinstimmende Definition scheint es jedoch nicht zu geben. Auch in der Frage, was ‘strategisches Lesen’ bzw. ein strategischer Umgang mit Texten nun eigentlich bedeutet, sind sich die Fachdidaktiker nicht einig.

Wie viele und welche Definitionen von ‘Lesestrategien’ und ‘strategischem Lesen’ es letztendlich gibt, ist meines Erachtens aber nicht so wichtig. Fakt ist, dass der Nutzen von Lesestrategien schon genügend belegt worden ist. Was mich wundert, ist die Tatsache, dass Schüler manchmal erst in den Examensklassen mit Lesestrategien konfrontiert werden. In den vorhergehenden Schuljahren bleibt eine richtige Vermittlung von Lesestrategien in so mancher Schule (meine eigene Schule ist da keine Ausnahme) auf der Strecke.

Ein Examen für das Fach Deutsch besteht in den niederländischen Schulen - sofern ich weiß – auf allen Niveaus vollständig aus ‘Texterklärung’; die Schüler bekommen eine Anzahl von Texten und die dazu gehörenden Fragen vorgelegt. Diese Fragen sollen in einer festgesetzten und begrenzten Zeit beantwortet werden. Deswegen versuchen die Lehrer, ihren Examensschülern Lesestrategien beizubringen. Das Klären von Unklarheiten, die Aktivierung von Vorwissen, das Formulieren von Fragen an den Text, das Vorhersagen des weiteren Textinhalts, das Zusammenfassen des Textes, sowie die Benutzung von Überschriften und Schlüsselwörtern: alles Lesestrategien, die in den Examensklassen – und leider oft auch erst ab den Examensklassen - an der Tagesordnung sind. Dazu kommen manchmal auch noch sogenannte Lesestrategien, die man vielleicht kaum als ‘Lesestrategie’ bezeichnen darf, zum Beispiel das Unterstreichen der wichtigen Begriffe eines Textes. Wer die Technik des Unterstreichens anwenden kann, aber nicht weiß, wie er damit den Text besser verstehen kann, hat meiner Meinung nach noch keine Strategie.

Früher anfangen

Wenn Lehrer im Unterricht bei der Behandlung von und dem Üben mit Examenstexten mehrere Lesestrategien einsetzen und diese auch noch überprüfen wollen, kostet dies jedes Mal eine Menge Zeit. Vor allem am Anfang ist die Arbeit mit Lesestrategien ziemlich zeitintensiv. Die Gefahr: die Arbeit an Texten läuft – aus Zeitmangel – am Gängelband von Lehrerfragen ab.

Wenn man auch noch in Betracht nimmt, dass im Examensjahr auch noch andere Aktivitäten, Themen und Aufgaben auf dem Terminkalender stehen, ist eins klar: wenn es um das Erlernen und Anwenden von Lesestrategien geht, läuft die Zeit dem Lehrer und seinen Schülern davon. Und dafür können sowohl der Lehrer als auch die Schüler nichts.

Ich plädiere dafür, dass die Implementation von Lesestrategien (viel) eher in der Schullaufbahn stattfindet. Schüler sollen schon am Anfang der ‘middelbare school’ an Lesestrategien herangeführt werden. Beim Fach Niederländisch könnte man den Anfang machen, damit die Kinder erst in ihrer eigenen Muttersprache mit Lesestrategien bekanntgemacht werden und damit üben können. Schrittweise können Lesestrategien danach auch im Fremdsprachenunterricht eingeführt werden.

Wichtig wäre, dass man die Schüler in aller Ruhe mit Lesestrategien bekanntmachen kann und dass die verschiedenen Lesestrategien in unterschiedlichen Zusammenhängen praktiziert werden.

Bei den Schulen, die ihren Schülern beim Fach Niederländisch wohl in der Unterstufe Lesestrategien beibringen, wäre die Frage interessant, ob diese Lesestrategien später (in der Oberstufe) auch beim Lesen eines Fremdsprachentextes angewendet werden.

Vorteile

Eine frühe(re) Implementation von Lesestrategien bietet einige wichtige Vorteile. Erstens: die Schüler können im Laufe einiger Jahre (also in aller Ruhe) selbst herausfinden, eventuell mit Hilfe des Lehrers, welche Lesestrategien für sie am besten geeignet sind. Wenn sie dies herausgefunden haben und einmal die Examensklasse erreicht haben, wissen sie genau, welche Lesestrategien ihnen hilfreich sind und mit welchen Lesestrategien sie weniger anfangen können. Ich bin davon überzeugt, dass die meisten Schüler nur eine kleine Auswahl von Lesestrategien brauchen, um mit Examenstexten bzw. Textverständnis auszukommen. Und da sie im Laufe der ersten Schuljahre viel Erfahrung mit ihren favorisierten Strategien bekommen haben, dürften die Schüler auch imstande sein, gezielt diese Lesestrategien der jeweiligen Textart anzupassen. Die Gefahr, dass die Schüler in den vielen Lesestrategien ertrinken, wenn diese ihnen erst in der Examensklasse und in relativ kurzer Zeit angeboten werden, ist hiermit vorbei.

Zweitens gibt es noch den Faktor Zeit. Für ein Examen Deutsch steht den Schülern, wie gesagt, eine begrenzte Zeit zur Verfügung, in der die Fragen zu den verschiedenen Texten beantwortet werden müssen. Schüler sollen sich in den Examensklassen deshalb nur noch der Lesestrategien bedienen, die ihnen am meisten liegen. Außerdem sollen sie sich im Examensjahr in diesen Strategien spezialisieren, damit es sie möglichst wenig Zeit kostet, die Strategien beim Examen einzusetzen. Die Konfrontation mit allerhand anderen Lesestrategien soll schon in den vorhergehenden Jahren stattgefunden haben.

Vorteil: sowohl während des Unterrichts im letzten Schuljahr als während des Examens spart man Zeit aus. Und ich schätze, diese extra Zeit kommt Lehrern und vor allem Schülern besonders gelegen.